New York City Marathon

Als begeisterter Hobbyläufer ist die Teilnahme am New York Marathon einer der größten Dinge, die man erleben kann. Ich wollte schon seit längerem mitlaufen. Aber das war leichter gesagt als getan. Der New York Marathon ist nämlich nicht irgendein Lauf, für den sich jeder einfach so anmelden kann. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sein Glück versuchen kann. Entweder man versucht die absolut überteuerte Variante über einen zugelassenen Reiseveranstalter oder probiert Variante Nr. 2: Eine Lotterie. Für mich kam nur Variante Nr. 2 in Frage und - man wagt es kaum auszusprechen - gewann direkt einen Startplatz. So musste ich "nur" für meine eigenen Kosten vor Ort aufkommen. Dass das für einen Globetrotter wie mich immer noch ein großer Batzen ist, kann man sich wohl denken.


Boston, ich komme

Als ich vor Jahren in den USA gearbeitet habe, hatte ich nur New York City sehen können und bin von dort gen Süden gefahren. Alle Leute, die ich getroffen hatte, schwärmten jedoch von Boston. Jetzt war die Gelegenheit mit zehn freien Tagen
Boston Whale Watching
Whale Watching in Boston
günstig, meinen Urlaub ein wenig zu erweitern und Boston mit einzubeziehen.

Dort angekommen, stand das klassische Touri-Programm an, wie Harvard und das MIT besuchen. Ich hatte Glück und konnte noch kurzfristig zu einem interessanten Architekturvortrag am MIT hinzustoßen.

Auch Whale-Watching durfte natürlich nicht fehlen. Wenn schon-denn schon. Brrrrr, war das kalt. Und gelohnt hat es sich auch nicht, da ich nicht viel gesehen habe.
Dann rückte New York näher. Hierzu hatte ich mir im Bostoner China-Town ein 15$ Busticket gekauft. Der Preis war äußerst günstig, dafür aber auch eine Busfahrt der "anderen" Art. Das Ticket bekam man in einer Bäckerei, an einem kleinen Tisch vor der Theke. Als ich die Bäckerin hinter der Theke fragte, rief sie jemanden herbei, der sich hinter den Tisch setze und somit war das "Reisebüro" eröffnet.

Auch die Fahrt war für US-amerikanische Verhältnisse eher unkonventionell. Es gab nur Chinesen als Fahrgäste. Keiner sprach ein Wort Englisch. Auch der Busfahrer nicht. Untermalt wurde die Fahrt von chinesischer Musik und Film.


Big Apple

New York City - Empire State Building
Empire State Building
Schon von Deutschland aus hatte ich ein zentral gelegenes Künstler-Hotel in New York reserviert. Die Lage war fantastisch. Das Empire State Building war nur fünf Blöcke entfernt. Sogar Nina Hagen war in der Zeit da und gab in dem kleinen hoteleigenen Theater ihr Können zum Besten. Perfekte Voraussetzungen für eine tolle Zeit.

IN NYC angekommen, widmete ich mich zusammen mit einer Freundin, die zu der Zeit ein Praktikum in New York absolvierte, der schonenden Marathon-Vorbereitung, da wir die meisten Attraktionen schon kannten.

New York City - Fireworks
Zur Einstimmung ein Feuerwerk
Am Vorabend des Laufs gab es, wie bei fast allen Marathons, eine Pasta-Party um die Energiespeicher aufzufüllen - und zu Ehren der Läufer gab es sogar ein Feuerwerk.


Eiskalt in der Warteschlange

Und dann kam der große Tag. Morgens zwischen 5 und 7 fuhren die Busse von der 42th und 5. Ave. los, um die Läufer zum Startbereich zu bringen. Das war ein absoluter Wahnsinn. 32.560 Läufer aus 97 Ländern mussten bis spätestens 7 Uhr in Staten Island sein, da ab 7 Uhr die Zugangsbrücken gesperrt wurden. Da alle paar Sekunden ein Teilnehmer-Bus vorbei bretterte, wurde sogar die ganze 5th Avenue gesperrt. Ein einzig großer, organisierter Wahnsinn.

Und wie konnte es auch anders sein? Am Tag der Tage gab es zwar keinen Regen, aber es war eiskalt. Nachdem ich schon dem kältesten Halloween seit Jahren in Boston beiwohnen durfte, schickte sich der Marathon an, einen ähnlich schlechten Rekord aufzustellen. Gut, dass ich bereits im Vorfeld gehört hatte, dass man 3 Stunden draußen in der Kälte stehen musste und so eine Decke mitgebracht hatte. Neben mir stand ein Mädel, das schon einen richtigen Schüttelfrost hatte, dass sogar ihre Lippen blau angelaufen waren. Ich gab ihr daher kurz entschlossen meine Decke und erntete einen Blick der tiefsten Dankbarkeit.


3-2-1-Go!

New York City Empire State Building
New York City Marathon - Start
Gedrängel am Start
Und dann war es endlich soweit und um ca. 11:15 gab es den offiziellen Startschuss. Schlagartig machten sich gute 32.000 Läufer auf den Weg und stürmten über zwei Etagen auf die Verrazano-Brücke. Wahnsinn. Zum Teil fühlte ich mich wie auf einem Schlachtfeld. Und obwohl wir in verschiedene Startergruppen eingeteilt worden waren, war es viel zu eng und der Start erinnerte eher an eine Kampf-Arena als an einen Marathonlauf.

Nach der Verrazano Brücke ging es nach Brooklyn, der erste von fünf Boroughs. Gehen trifft es recht gut. An richtiges Laufen war bei dem Gedränge und Geschiebe nicht zu denken. Aber dafür entschädigten uns hunderte von Zuschauern am Streckenrand, die uns begeistert anfeuerten. Aber das brachte leider nicht viel. Meine Gruppe war einfach zu langsam. Und dass ich auch noch am Ende von der Gruppe gestartet war, half auch nicht weiter. So fing ein richtiges Slalom-Laufen an. Selbst über Absperrgeländer musste ich klettern, um langsame Läufer zu überholen. Ich war weit davon entfernt, meinen Laufrhythmus zu finden.

Die verschiedenen Gruppen wurden dann bei der 8. Meile zusammen geführt. Ich hatte gehofft, dass sich bis dahin das Feld etwas in die Länge gezogen hätte. Aber leider wurde das Gedränge noch stärker.

Von dem Gedränge mitgezogen, erreichten wir Queens. Eine Zuschauerin hielt ein Schild hoch, auf dem in großen Buchstaben "Surprise You Are In Queens" stand. Von hier war es nicht mehr weit und die Queensborough Bridge kam in Sichtweite. Kurz über die Brücke und ich befand mich mitten in Manhattan. Ein klasse Gefühl!
Direkt nach der Brücke wartete, wie verabredet, Petra. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, sie in der großen Menschenmasse zu erkennen. Aber sie hatte mich gleich erspäht und mir zugerufen und gewunken. Ihr erster Kommentar war: "Du siehst aber noch frisch aus". Tja, kein Wunder. Bei dem Geschiebe und Geklettere lief bis dahin leider noch nicht viel in puncto körperlicher Verausgabung.

New York City - Manhattan
Manhattan
Aber es wurde langsam besser und ich schnappte noch schnell die versprochene Banane von Petra und weiter ging es die 1th Avenue nach Harlem hinauf und über die nächste Brücke zur Bronx. In dem Abschnitt standen nur wenige Leute und die Stimmung war dementsprechend ruhig. Aber der Abschnitt durch den Süden der Bronx war relativ kurz und über eine weitere Brücke ging es zurück nach Harlem. Dort fing schon mein Endspurt an. Mir war klar, dass meine anvisierte Zeit nicht zu schaffen war. Aber ich wollte doch zumindest das Maximum herausholen. Kurz vor Beginn des Central Parks schaltete ich dann in den Endspurt um. Ich hatte einen anderen Läufer vor mir entdeckt, der auch richtig Gas geben wollte und so sprinteten wir im Slalom um die Läufer herum - fast bis zum Ziel.


Anaerob? Egal! Hauptsache Gas geben

Lehrbuchmäßig zog ich die letzten paar Kilometer voll durch. Alles was man so gelernt hat, von wegen aroben/anaeroben Laufen, war in dem Moment vergessen. Ich gab einfach nur Gas und war durch die Anfeuerung der Menschenmassen richtig beflügelt. Obwohl sie natürlich alle Läufer angefeuert haben, hatte ich das Gefühl, als ob sie alle nur für mich da gewesen wären. So schwebte ich förmlich - naja, so war zumindest mein Eindruck - über die Ziellinie. Meine Stoppuhr zeigte knappe vier Stunden an. Schade, ich war echt enttäuscht. Ich hatte im Vorfeld fleißig trainiert und hatte eine gute Tagesform erwischt. 3:15 wäre an dem Tag locker drin gewesen. Aber ich schätze, dass ich am Anfang mindestens eine halbe Stunde verloren hatte. Aber da der Sieger schon nach 2:08 ins Ziel gekommen war, gilt wohl für Hobbyläufer wie mich eh nur das olympische Motto: Dabei sein ist alles!

New York City Marathon Finish
Frieren am Ziel
Und da war ich also. Im Ziel. DEM Ziel. Ich war da. Hatte den New York City Marathon geschafft. Nachdem alle eine Medaille umgehangen bekommen hatten, gab es gleich ein paar Meter weiter die obligatorische Alu-Notfalldecke. Und die brauchten wir auch. Denn es war noch immer bitterkalt. Kurz nach der Ankunft - ich stand mal wieder in einem menschlichen Stau - fing ich auch an zu zittern. Der Körper kühlte zu schnell aus. Es dauerte endlos, bis man zu seinem Truck kam, um seine Klamotten, die man am Start abgegeben hatte, wieder in Empfang nehmen zu können. Was hätte ich jetzt für die Decke vom Start gegeben.

Da ich keine warmen Sachen am Ziel gelassen hatte, machte ich mich sofort auf den Rückweg ins Hotel - Aufwärmen bei einer langen, heißen Dusche.

Abends gab es eine feierliche Veranstaltung, in denen die Cracks ihre Medaille bekamen und alle das bei einer großen Feier betanzen konnten.

Am Montag standen alle Finisher namentlich mit ihren Zeiten in der New York Times. Klar, dass ich mir direkt ein Exemplar gekauft hatte. Mal ehrlich, wie oft steht man als Otto-Normal-Bürger schon in der Times?


Das finale Touri-Programm

New York City Statue of Liberty
Touri- Prog.
Zum krönenden Abschluss meines Besuchs gab es dann doch noch etwas Touri-Programm, wie eine Fährfahrt nach Staten Island oder dem Guggenheim Museum, in dem gerade "interessante" Videoinstallationen zu bewundern waren die nicht ganz meinen Geschmack traf. Oder wie Hape Kerkeling es so schön formulierte "Es fehlte mir der intellektuelle Zugang". Das Museum selbst war aber einen Besuch wert.


Auf zu neuen Abenteuern

So waren 10 Tage USA schnell vorbei. Besonders der Marathon brannte sich in mein Gedächtnis ein. Es waren 2½ Millionen Menschen am Wegesrand, die für eine unvergessliche Stimmung sorgten. Einfach genial. Gut, dass ich ein paar von den Momenten mit der kleinen Einwegkamera, die ich auch beim Laufen dabei hatte, festhalten konnte. So bleibt die Vorfreude auf den nächsten Lauf lebendig. Und der kam schon zwei Wochen später. Ein Untertagelauf. Aber das ist eine andere Geschichte......

Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anregungen im Gästebuch.



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