Island-Ein Radlerparadies

Island. Das Wort ist Musik in den Ohren eines Radlers. Und was für eine Musik! Das klingt nach Weite und Freiheit. Zumindest war das der Plan, als Rainer und ich mit unseren Rädern in Richtung Island aufgebrochen sind.

In Island angekommen, ging es gleich anständig los. Blauer Himmel und die Temperaturnadel stand auf über 20 Grad. Plus wohlgemerkt. Auf dem Weg vom Flughafen nach Reykjavik kam uns ein anderer Tourenradler im T-Shirt und kurzen Hosen entgegen. Er war knacke braun. Ja, so sollte es weiter gehen!

Pingvellir
Amerika und Europa auf einem Foto
Tat es auch. Auch wenn die Bewölkung langsam zunahm, kamen wir bei gutem Wetter in Pingvellir an. Ein durch und durch interessanter Ort. Neben der isländischen Geschichte treffen hier die europäische und die amerikanische Kontinentalplatten zusammen. Genauer gesagt, driften sie auseinander, was zu großen, tiefen Spalten führt, durch die man sogar hindurch gehen kann.

Strokkur
Vorhang auf für den Strokkur
Wo sonst kann man mit einem Fuß in Europa, mit dem anderen in Amerika stehen?


Und weiter ging es bei phantastischem Wetter nach Geysir. Okay, der Geysir hat seit längerem Ladehemmungen und will nicht wirklich seinem Namen gerecht werden. Aber sein direkter Nachbar, der Strokkur, ist aktiv, öffnet alle 5 Minuten den Vorhang und führt vor den staunenden Augen der Zuschauer ein Naturschauspiel sondergleichen auf.
Haifoss Waterfall
Wasser Marsch am Haifoss
Etwas weiter liegt auch schon der Gullfoss Wasserfall. Er gilt zwar als der schönste Wasserfall Islands, aber dem kann ich nicht zustimmen.
Wir empfanden den 122m hohen Haifoss als deutlich imposanter. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er abseits von den Touri-Routen liegt und wir mit ihm dort quasi alleine waren.

Eiskaltes Furten
Eiskaltes Furten trotz Restsonne
Dann schlug das Wetter zusehends um. Den blauen Himmel gab es nur noch in der Erinnerung der ersten zwei Tage. Die Wohlfühltemperaturen auch. Das Thermometer pendelte sich bei 10-12 Grad ein und sollte sich hiervon auch bis zum Ende der Tour nicht mehr erholen.

Aber wenn die Sonne kurz zwischen den Wolken hervorschaute, war selbst das Furten noch immer ein Genuss. Nur schade, dass sie es nur noch selten tat.


Höllensturm von Vorne

Die Musik im Ohr wechselte die Tonart. Aus melodischen, angenehmen Tönen wurde ein kreischendes Getöse. Der Wind hatte sich auf eine Stärke von 10 hochgearbeitet. Getreu Murphy's Law kam der Wind natürlich genau von vorne. Bei dem Sturm wurde das Radeln zu einer echten Tortur. Selbst bergab hatten wir nicht viel mehr als 6 km/h auf dem Tacho. Laufen war nicht viel langsamer ...

Erste Regenröhre
5 Sterne Hotel
Gute Nacht
Unser 5 Sterne Zimmer
Nicht nur das Radeln wurde immer härter, auch das Zelten wurde quasi unmöglich. Um nicht zu riskieren, dass den Zelten etwas geschah, konnten wir sie nicht aufschlagen. Sie wären schlicht weg vom Sturm weggeblasen worden. Stattdessen hatten wir es uns in den großen Regenrohren, die quer unter der Straße hindurch verliefen, "bequem" gemacht.

Von den Radreisen in vielen anderen Ländern wusste ich, dass Wind nachts (ohne Sonne), deutlich nachlässt und es am nächsten Morgen zum Teil sogar windstill wird. Diese Illusion hatten wir zwar nicht. Aber wir waren guter Hoffnung, dass er bis zum nächsten Morgen wenigstens deutlich abflaute und erst am Vormittag wieder an Fahrt gewinnen würde. Daher hatten wir uns für früh morgens einen Wecker gestellt. Als der uns aus unseren Halbträumen riss, stürmte es sogar in der Regenröhre noch so stark, dass wir ihn gleich wieder ausgestellt haben, und versuchten krampfhaft weiterzuschlafen.

Zweite Regenröhre
Zweites 5 Sterne Hotel
Desillusioniert haben wir uns den ganzen Tag lang weitergekämpft. Wir hatten uns darauf gefreut, dass wir gegen Mittag ca. 90 Grad nach links in Richtung Norden in den Sprengisandur abbiegen würden. Aber wie sollte es auch anders sein... der Wind drehte etwas und kam wieder von vorne. Es war absolut Kräfte raubend und demotivierend.

Die Laune wurde auch am Abend nicht besser, da der Sturm nach wie vor alles gab. So haben wir auch die nächste Nacht in einer Regenröhre zubringen dürfen.

Sprengisandur
Schönes aber windiges Radeln am Sprengisandur
Am nächsten Morgen war alles unverändert. Wir hatten uns eigentlich riesig auf den Sprengisandur gefreut. Er führt vom Süden Islands einmal quer über das Hochland an die Nordseite der Insel. Aber bei so einem Sturm machte es keinen Spaß. Man konnte es nur noch als sportliche Herausforderung sehen, Gehirn auf Durchzug stellen und einfach in die Pedale treten.

Diese Nacht, unsere Erste im Hochland, hatten wir mehr Glück, denn es gab eine große Erdsenke, in der es nicht ganz so stürmisch war. Also Zelte schnell aufgebaut und schon kurz danach waren wir in Tiefschlaf gefallen.


Wintereinbruch im Hochsommer

Nyidalur
Hochsommer in Island
Am nächsten Morgen zeigte sich Island von einer etwas schöneren Seite, der Wind war erträglicher und später hatten wir zum Teil sogar blauen Himmel. Der konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es empfindlich frisch geworden war.
Nyidalur festgefroren
Waschen war nicht mehr
Aber dann zeigte das isländische Wetter, dass es -mal wieder- auch anders kann und wir bekamen einen Wintereinbruch im "Hochsommer". Glücklicherweise waren wir bereits in der Nähe der Nyidalur Hütte. Dort haben wir uns mehr als dankbar für die Nacht einquartiert. Unsere erste Nacht in einem "richtigen" Gebäude. Es sollte auch die letzte bleiben...
Der Wintereinbruch hatte aber auch seine guten Seiten (oder sollte ich schöne Seiten sagen?). Die Berge sahen mit dem weißen Zuckerguss auf den Spitzen noch reizvoller aus als ohne.

Rainers Lieblingshobby
Rainers Lieblingshobby
Nachdem Rainer wieder intensiv seinem Lieblingshobby nachgegangen war, kamen wir in Husavik an der Nordküste an. Ein toller Ort mitten im Fjord und Bergen als phantastische Kulisse.

Und wir hatten unverschämtes Glück: Es gab diese Nacht ein großes Volksfest. Eine wahre Erfahrung, besonders, da es nachts nicht mehr dunkel wurde und wir vollkommen unser Zeitgefühl verloren hatten.
Dettifoss
Wasserwand
Weiter ging es entlang der Nordküste, über den Jökulsargljufur Nationalpark direkt zum Dettifoss. Der war echt der Wahnsinn. Selbst die wasserfallerprobten Isländer standen staunend vor den in die Tiefe stürzenden Wassermassen.

So schön es auch an der Küste war, aber der Ruf des Hochlandes wurde immer lauter. Schließlich folgten wir ihm und schlugen die Kjalvegur Route ein. Obwohl sie nicht weit von der Sprengisandur Route entfernt liegt, ist die Landschaft doch recht andersartig. Und sie hielt noch ein Bonbon bereit.

Kjölur Pool
Tiefenentspannung im Kjölur Pool
So ziemlich in der Mitte liegt das thermisch aktive Kjölur. Eine absolute Wohltat, nach einem langen Radlertag in den Naturpool zu springen. Von der einen Seite fließt kaltes Wasser in den Pool, von der anderen Seite strömt kochend heißes Wasser hinzu. Je nachdem, wo man sich in dem Pool befindet, wird es entsprechend kälter oder heißer. Es war einfach nur perfekt.

Kjölur
Rauchender Minivulkan
Aber nicht nur der Pool kann was.
Auch das thermisch aktive Umfeld hatte etwas zu bieten. Überall in Kjölur blubberte, zischte und spritzte es.


Glücksfall Kerlingarfjöll

Kerlingarfjöll
Surreale Farbenlandschaft
Auf der Weiterfahrt auf der Kjalvegur Route trafen wir einen uns entgegen kommenden Tourenradler. Einer jener glücklichen Zufälle. Er erzählte uns nämlich von Kerlingarfjöll, dass wohl etwas abseits von der Piste liegen sollte. Nachdem er uns ein paar Minuten von der surrealen Landschaft mit skurrilen Farben vorgeschwärmt hatte, war die Entscheidung klar: Da wollen wir auch hin!

Eine richtige Entscheidung. Kerlingarfjöll sollte ein Highlight unserer Tour werden. Die Farben waren in der Tat der Wahnsinn. Obwohl das Wetter noch immer nicht so recht mitspielen wollte, kam die Sonne für ein paar Sekunden durch. Dann fingen die Farben richtig an zu leuchten. Am liebsten wären wir deutlich länger geblieben.
Aber leider rückte das Rückflugdatum näher und wir mussten uns sputen, nach Reykjavik zurückzukommen. Dort kosteten wir nur kurz das Nachtleben aus und radelten am nächsten Morgen gleich weiter zum Flughafen. Aber es war noch genug Zeit, einen Pitstop an der blauen Lagune einzulegen. Sie kann zwar mit den anderen Naturpools auf der Insel nicht mehr mithalten. Wenn man die Massen an Touristen ignoriert, macht die Blaue Lagune aber einen kurzen Halt mehr als erträglich.

Endlich ohne Regen kamen wir am Zeltplatz neben dem Flughafen an. Die Fahrräder waren schnell in ihre Einzelteile zerlegt und verpackt. Früh morgens saßen wir bereits im Flugzeug und schauten noch einmal auf Island herunter. Je weiter wir uns entfernten, desto leiser wurde auch die Musik in den Ohren. Aber eins scheint sicher zu sein, eines Tages werden wir wieder der Musik folgen und nach Island zurückkehren.

Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anregungen im Gästebuch.

Wer mehr Bilder mit surrealen Farben, Blubber und Zischen sehen will, klickt hier.

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Island

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