Eine offene Rechnung

Ich hatte noch eine offene Rechnung mit dem Oman, die es endlich zu begleichen galt. Als ich früher einmal für ein Jahr in Bangkok arbeitete, wollte ich mit meiner Freundin Urlaub im Oman machen. Leider hatte ich ein kleines tropisches Souvenir aus Thailand im Gepäck dabei, welches mich gleich nach unserer Ankunft in Muscat zu einem ersten Arztbesuch zwang. Das Ende vom Lied war, dass ich mit knapp 41 Grad Fieber zwei Wochen lang im Krankenhaus von Nizwa flach lag. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Bis auf das Krankenhauspersonal hatte ich quasi nichts von Land und Leuten kennen gelernt. Dies galt es jetzt nachzuholen.

Als ich meiner Familie von meinen Plänen erzählte, waren sie jedoch wenig begeistert. Emirate? Oman? Was soll das denn schon wieder? Warum machst Du nicht endlich einmal einen normalen Urlaub wie andere Leute auch? Und als ich dann allen noch eröffnete, dass das ganze per Fahrrad und mit Zelt stattfinden sollte, waren sie kurz davor, mich endgültig einweisen zu lassen.

Dabei ist dieses vollkommen ungerechtfertigt. Klar, moslemische Länder kommen zur Zeit in den westlichen Medien nicht sonderlich gut weg. Das ist aber eine Verzerrung der Wirklichkeit. Zumindest den Oman empfand ich als einen der sichersten Länder auf diesem Planeten. Kriminalität gibt es so gut wie keine. Und ja, das Land steht mehr oder weniger fünf Mal am Tag still. Der Islam wird religiös, aber eben nicht extremistisch gelebt.



Absolute Reizüberflutung

Reizüberflutung in Dubai
Reizüberflutung in Dubai
Frisch in Dubai gelandet, schaute mein Fahrrad aus dem Kofferraum und ich aus dem Taxifenster gen Himmel als wir die Sheikh Zayed Road entlang fuhren. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Welch eine Reizüberflutung. Auch wenn ich bereits ein paar Jahre zuvor in Dubai war, ist es immer wieder ein Erlebnis. Als Rationalist werde ich wohl nie verstehen, warum man ausgerechnet hier so viele Etagen übereinander in den Wüstensand stapeln muss. Als Architekt bin ich jedoch begeistert. Nicht, dass es immer qualitativ hochwertiges Design wäre. Aber für den Mut, etwas Neues auszuprobieren, beneide ich die Emiratis.

Ob dies alles funktioniert, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Selbst heutzutage gibt es bereits gigantische Leerstände in Dubai. Dies scheint die Investoren aber nicht davon abzuschrecken, weiter zu bauen. Auch wenn jetzt weniger Kräne die Skyline von Dubai überragen als vor der Finanzkrise, so wird dennoch weiter am Mythos Dubai gearbeitet und mehr und mehr Beton in bzw. auf den Sand gesetzt. Auch Lametta und Sterne konnten nicht helfen Das Emirat Dubai kennt zwar nicht derart drakonische Strafen wie Singapur, aber um die Urlaubskasse zu sprengen reicht es allemal. Also ging ich zur Polizeihauptwache in Deira mit der simplen Frage, ob ich denn auf den Autobahnen Fahrrad fahren darf. Obwohl beide Seiten gutes Englisch sprachen, gestaltete sich die Verständigung als schwierig. Der Polizist wollte -oder konnte- einfach nicht verstehen, dass ich Fahrrad fahren wollte. Ich solle doch lieber mit dem Auto fahren. Da kam die Emirati Mentalität durch. Einfach jeder fährt Auto. Am besten von der klimatisierten Garage zu Hause bis ins klimatisierte Ziel. Es läuft -bis auf die vielen, vielen Inder, Pakistanis und Co- einfach niemand zu Fuß. Fahrrad fährt erst recht keiner. Also machte aus Sicht des Polizisten die Frage auch keinen Sinn. Als es den Polizisten so langsam dämmerte, dass es sich nicht um ein sprachliches Missverständnis handelte und es wirklich ernst gemeint war, wich die Unverständnis der Ahnungslosigkeit. Schnell wurde ich an den Vorgesetzten verwiesen. Und an den nächsten Vorgesetzten. Und an den nächsten. Jedes Mal begegnete mir mehr Lametta auf der Brust und Sternchen auf der Schulter. Letztendlich landete ich beim Oberchef der Polizei mit richtig viel Lametta. Aber auch er war überfragt. So etwas gab es hier noch nie. Selbst diverse Anrufe konnte kein Licht in den Sachverhalt bringen. Schlussendlich hieß es dann, dass es mit der Autobahnradellei wohl OK sein würde. Es könnte aber auch einfach daran liegen, dass es zum Verlassen des Emirates schlichtweg keine Alternative gibt.



Ein Fahrradfahreralbtraum

Sharjah Autobahn
Stressige Autobahnradelei
Am nächsten Morgen ging es dann mit der polizeilichen Absegnung auf die Autobahn. Obwohl ich schon auf vielen Autobahnen dieser Welt geradelt bin, bot sich mir hier ein absoluter Fahrradfahreralbtraum! Die Autos flogen sechsspurig pro Fahrbahnrichtung an einem vorbei. Aber das ging eigentlich noch, da es einen Seitenstreifen gab. Problematisch sind die Auf- und Abfahrten, die man zwangsweise kreuzen muss. Wenn diese nur einspurig sind, schafft man es noch. Aber werden sie zwei- oder gar dreispurig, bekommt man ein echtes Problem. Da kann es passieren, dass man eine gefühlte Ewigkeit warten muss, bis sich eine Minilücke ergibt, in der man mit dem Fahrrad in Tour de France Geschwindigkeit versucht, rüber zu kommen.

Entspanntes Radeln sieht definitiv anders aus! Und noch schlimmer, bis nach Musandam im Oman gibt es noch nicht einmal etwas zu sehen. Ich liebe Wüsten, aber aus meiner Sicht ist es eine der langweiligsten Wüsten, in der ich seit langem war. Normalerweise ist dann Gehirn ausschalten und ein meditatives Radeln angesagt. Aber bei dem dort herrschenden Verkehr klappt das natürlich nicht. Dieses sind die Momente, bei denen mir die Worte meiner Familie und Freunde von wegen normaler Urlaub an normalen Reisezielen in den Ohren klingeln. Eigentlich ist es schon fast ein Schreien. Zum Glück verstummen solche Störgeräusche auch rasch wieder. Spektakulär unspektakulär Und dann kam der Oman. Eines ist sicher: Die Uhren ticken dort anders. Ganz anders. Langsamer. Entspannter. Und weniger geltungsbedürftig. Gegensätzlicher könnte es zu den Emiraten kaum sein. Dort gilt "höher, schneller, weiter", Hauptsache ein neuer Weltrekord mit entsprechender weltweiter Aufmerksamkeit. Der Oman ist fast das Gegenteil. Die Hauptstadt Muskat ist hierfür ein perfektes Beispiel. Sie ist einfach spektakulär unspektakulär. Keine superhohen Glaspaläste die jeweils versuchen, die Grenze des Möglichen immer weiter zu verschieben. Und dabei hat der Oman die besten Chancen hierzu. Es strotzt nur so vor Petrodollars. Gemäß Forbes hat alleine Sultan Qabus ibn Said ein "überschaubares" Vermögen von 1,1 Milliarden US-Dollar und belegt damit die Position zehn der reichsten Blaublütigen. Aber Superlative sind offensichtlich nicht Ziel des Herrschers. Er führte und führt das Land lieber mit ruhiger Hand in die Neuzeit. Aber genau diese Ruhe mag so manch ein Tourist, der gerade aus Dubai, Abu Dhabi oder Katar kommt, als zu ruhig und fast schon ein wenig langweilig empfinden. Ich jedoch empfand es als sehr angenehm. Keine aufdringlich hupende Luxusblechkarossen oder penetrante Straßenverkäufer.

Sultan Qaboos Grand Moschee
Der Oman kann auch protzen: Die Sultan Qaboos Grand Moschee in Muscat



Wie verbucht man ein Fahrrad?

Doch zurück zur Route. Wie gesagt, die Wüste zwischen Dubai und dem omanischen Musandam ist einfach nur langweilig. Erst als an der omanischen Grenze die ersten Berge auftauchten, ändert es sich schlagartig. Gerne wäre ich quer über sie hinüber geradelt. Aber bis heute ist es in Teilen ein militärisches Sperrgebiet, durch welches man nicht radeln darf oder kann. Wirklich schade, denn man sieht bereits aus der Ferne, dass Musandam hat in Sachen Schönheit viel zu bieten hat.

Aber wie so oft ist das Glück mit den Reisenden und als ich in Musandam ankam, wollte sich gerade die Schnellfähre nach Shinas auf den Weg machen. Damit würde ich nicht auf der gleichen Straße zurück zu den Emiraten radeln müssen, um das Sperrgebiet zu umfahren. Perfekt. Ich stürmte schnell in das Verkaufsbüro und wollte ein Ticket kaufen. Hinter dem Schalter der Ticket- und Abfertigungshalle saßen zwei junge, hübsche Omanis. Für mich ein Zeichen des jungen, modernen Omans, denn sie präsentierten sich weltoffen und trugen keinen Schleier. Während die Beiden versuchten das Ticket auszustellen, kamen wir ins Gespräch. Wie allen anderen auch, war es ihnen unverständlich, wieso man hier Fahrrad fährt. Aber sie waren begeistert und äußerten ihr Bedauern, dass die heimischen Männer nach Abschluss der Schule so absolut gar nichts mehr mit Sport am Hut haben. Bis auf passives in-den-Fernsehen-Sport schauen, sind sie wohl eher träge, was die sportliche Ertüchtigung angeht. Zu diesem Zeitpunkt des Gespräches verzweifelten die zwei Frauen so langsam aber sicher an mir. Mein Fährticket war kein Problem. Aber was sollten sie mit dem Fahrrad machen? Gar nicht buchen? Oder als Auto? Aber dann wäre es ja schier zu teuer. Also wurden wieder ein paar Telefonate geführt und am Ende wurde als Transportmittel offiziell "Fahrrad" in dem Ticket vermerkt. Sie sagten, ich sei wohl der Erste, der mit einem Fahrrad auf die Fähre wollte…



Der Paranoia zum Trotz

Perfektes fahrradfahren im Oman
Perfektes radeln im Oman
Der Oman ist nicht nur spektakulär unspektakulär sondern wie eingangs bereits erwähnt, auch spektakulär sicher. Woran dieses wohl liegen mag, konnte ich nicht herausfinden. Vielleicht ist die Antwort ganz einfach und die Omanis haben einfach viel zu viel Geld, als dass sie klauen würden. Und um ehrlich zu sein, sehe ich als Radtorero mit doch eher abgewetzter Kleidung nicht gerade wie ein wohlhabendes Opfer aus. Hinzu kommt, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. Viele Leute, mit denen ich ins Gespräch kam, vermuteten, dass ich doch eher finanziell knapp ausgestattet sei. Ansonsten hätte ich ja schließlich ein Auto und wäre nicht auf das Rad angewiesen.

Ich muss eingestehen, dass dieses eine neue Erfahrung für mich war, denn sonst bin ich eher in "Entwicklungsländern" unterwegs. Dort droht allem was nicht niet und nagelfest ist, den "Besitzer" unfreiwillig zu wechseln. Im Laufe der Jahre hat sich daher bei mir eine regelrechte Paranoia entwickelt und ich versuche alles doppelt und dreifach zu sichern. Im Oman war es anders und zum Ende hin habe ich noch nicht einmal mehr mein vollbepacktes Fahrrad abgeschlossen.



Nur ein halber Emirati

Arabische Gastfreundschaft
Arabische Gastfreundschaft
Beim Reisen durch UAE und den Oman wird man unweigerlich auf einen Tee oder gar Essen eingeladen. Das ist immer ein perfekter Einstieg, um mehr über Land und Leute zu erfahren. Manchmal sind es zwar eher oberflächliche Gespräche, aber ab und zu hat man Glück und trifft auf ein Gegenüber, der sich auch kritisch äußert. In unserer westlichen Welt nehmen wir dieses allzu oft als selbstverständlich hin. Aber ich war weltweit schon zu oft in einer Situation, bei denen sich mein Gesprächspartner einem immensen Risiko von "Repressalien" ausgesetzt sah, wenn dieses publik gemacht würde. So schlimm ist es in den UAE oder Oman sicherlich nicht, aber das Risiko ist insbesondere für "unechte Ausländer" nicht zu unterschätzen.

Ein unechter Ausländer? Was soll das denn sein? Nun, eines Tages saß ich mit eben so einem "Emirati" bei einer Tasse Tee zusammen. Wie so oft in Dubai stammte seine Familie aus Indien. Er wurde in Dubai geboren, ging dort zuerst in die Schule und studierte im Anschluss erfolgreich. Dennoch bekam er keine emiratische Staatsbürgerschaft, sondern hatte einen indischen Pass. Obwohl er dort geboren wurde droht ihm, wie jedem anderen Ausländer auch, bei längerer Arbeitslosigkeit die Ausweisung. Daher hat seine Familie, wie so viele Inder, noch eine Wohnung und ein kleines Geschäft in Indien, damit sie im Fall aller Fälle nicht schlagartig wohnungs- und joblos in der fremden "Heimat" auf der Straße ständen.



Unwegsamkeiten eines Radnomaden

Perfektes Zelten
Perfektes Zelten
Es war keine wirkliche Überraschung für mich, dass ich fast die ganze Zeit über durch eine Geröll- und Sandwüste radeln sollte. So hart das Radeln bei fast 50 Grad (trotz Winter lag der Rekord bei satten 49,9°C) zum Teil auch war, desto belohnender war das nächtliche Zelten. Es macht mir einfach Spaß, nach einem langen Tag im Sattel das Zelt aufzubauen, den Benzinkocher für die obligatorische Nudelsuppe anzuschmeißen und dann den Sonnenuntergang zu bewundern.
Nur gut, dass ich alleine unterwegs war. Nach ein paar Tagen ohne Dusche war ich nicht mehr wirklich geruchsneutral und die Haut war richtiggehend speckig. Dann freute ich mich auf die nächste Stadt, um das Zelt für eine Nacht in einem Hotel einzutauschen. Dort konnte ich auch meine zwei Hemden und Shorts waschen und meinen Wasser- und Essensvorrat auffüllen.

14km zur nächsten Toilette
14 km zur nächsten Toilette
Zu meiner Überraschung gestaltete sich auf Teilen der Tour die Verrichtung menschlicher Bedürfnisse als unerwartet schwierig. Normalerweise hat man in einer Wüste massig Platz um einen geeigneten Platz zu finden. Aber zum Teil war die Landschaft extrem eben und es gab absolut nichts, hinter dem man sich verstecken konnte. Aber deshalb einen Umweg zu fahren, kam natürlich nicht in Frage ;-)



Grenzüberschreitende Polizisten

Was mich beim Reisen immer wieder überrascht und begeistert, sind die kleinen Unterschiede. Viele Sachen nehmen wir als selbstverständlich hin. Oft bemerkt man sie auch gar nicht.

BBQ
BBQ Einladung
Ein Beispiel im Oman wurde mir in illustrer Runde am Lagerfeuer in der Wüste bewusst. Es war wieder einer jener Momente, an denen ich beim Vorbeiradeln herangewunken wurde und ich meinen Magen kurze Zeit später mit einer kulinarischen Delikatesse frisch vom Grill verwöhnen konnte.

Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass einer der Männer Polizist war. Das ist an für sich nicht besonderes, aber als er erzählte, dass er am nächsten Tag in das Emirat Abu Dhabi zur Arbeit fahren müsste, war ich schon überrascht. Ich hatte bis dahin noch nirgendwo beobachtet, dass ein Staatsbürger eines anderen Landes, der auch nicht im entsprechenden Land wohnhaft ist, dennoch hoheitliche Aufgaben als Polizist wahrnehmen kann. Als ich mich verwundert zeigte, erklärte man mir, dass das auf der arabischen Halbinsel ganz normal sei und sein Freund zum Beispiel als Polizist in Katar arbeitete.

Oase
Oase in der Wüste
Der Gedanke hat mich nicht losgelassen und beim späteren Radeln noch weiter beschäftigt. Nach langem hin und herüberlegen (ja, beim Langstreckenradeln hat man viel Zeit für allerlei sinnige und unsinnige Gedanken) muss ich einräumen, dass sie einfach recht haben. Was spricht dagegen, dass man nicht als Polizist in einem anderen Land arbeiten kann?



Ein spektakulärer Abschluss

Wie inzwischen gewohnt, radelte ich auf einer Autobahn wieder nach zurück Dubai. Da ich etwas früher als gedacht ankam, suchte ich unmittelbar vor den Toren der Stadt einen Zeltplatz und fand diesen auf einer Baustelle. Während der Finanzkrise kamen die Bautätigkeiten nahezu zum Erliegen. Inzwischen wird aber wieder gebaut und es drehen sich wieder ein paar Kräne. Ich hatte Glück und konnte durch die Baustellenabsperrung rutschen und am Rande der Baustelle mein Zelt aufschlagen. Die Security sah mich zwar, ließ mich aber freundlicher Weise gewähren. So hatte ich wohl den besten nächtlichen Ausblick auf die Stadt. Selbst ein 7 Sterne Hotel kann da nur schwer mithalten.

Dubai: Sheikh Zayed Road
Zum Abschluss des perfekten Abenteuers gab es noch ein Zimmer mit Aussicht als Zugabe


Welch ein perfekter Abschluss für eine spektakulär spektakuläre Reise, mit atemberaubender Landschaft im Oman und vielen tollen Menschen, die ich getroffen habe. Ich werde sicherlich noch oft an sie zurückdenken.



Weitere Fotos von der arabischen Halbinsel gibt es hier.




RSS Facebook Twitter Flickr Fotolia iStock Shutterstock DE EN

Orientalische Hitze

Orientalische Hitze