Kyrgyzstan - Der Ursprung des Erdbeertee-Müslis



"Kyrgyzstan? Wie zum Teufel kommst Du auf Kyrgyzstan?", fragte mich die Frau in Stöckeln entsetzt, "und vor allen Dingen, wo ist das überhaupt?".

Nachdem sich der erste Schock bei Ihr gelegt hatte, erzählte ich ihr voller Begeisterung von einem meiner vorherigen Abenteuer. Da hatte ich mir in Kashgar, der Provinzstadt im entlegenen Westen Chinas, ein Fahrrad auf dem Bazar gekauft. Nachdem ich es für die anstehende Tour ein wenig "fahrtüchtig" gemacht hatte, ging es zuerst am Rande der Taklamakan Wüste entlang und dann auf dem legendären Karakoram Highway (KKH) hoch in den Gebirgszugs des Himalajas und weiter nach Pakistan...

Damals hatte ich in Kashgar zwei Radler auf der großen Meile (=Weltumradlung) getroffen. Beide schwärmten von Kyrgyzstan, dem Nachbarland von China. Es sei landschaftlich der Knaller und für Radler einfach ein Traum. Daher war für mich schon damals klar gewesen, wohin eine der nächsten Reisen gehen sollte.

Kyrgyzstan oder Kirgisien
Kurzer mit traditionellem Hut
Ich schwärmte meiner Freundin gefühlte sechs Stunden von der Region vor. Nachdem ich ihr einige Fotos, die ich sorgfältig aus dem Internet ausgewählt hatte (selbstredend, dass sich das Land von seiner allerschönsten Seite zeigte), stand das nächste Reiseziel fest: Kyrgyzstan!

Ich erzählte Ihr sogar davon, dass dort 7 Tausender rumständen. Ich bin daher davon ausgegangen, dass klar sein sollte, dass wir ab und zu auch mal einen Hügel hochradeln müssten. Aber wie sich später rausstellte, war das wohl ein Missverständnis und ich ging bei ihrem konstant bleibenden Genörgel durch die Hölle.
Bishkek - Globetrotter
Globetrottertreff in Bishkek
Da ich ein paar Tage länger als die Frau in Stöckeln frei hatte, flog ich schon vor ihr nach Kyrgyzstan, oder Kirgisien wie es auf Deutsch zum Teil auch genannt wird. Ich hatte durch Zufall bereits von einem neuen Hostel in Bishkek, dass noch in keinem Reiseführer enthalten war, gehört. Dort habe ich mich als erstes einquartiert. Wie es sich herausstellte, war es für "Overlander" sehr populär und so nächtigten dort auch zwei Motorradfahrer und zwei Radfahrer, Philippe und Matt. Philippe aus Frankreich und Matt aus England waren auf großer Fahrt von Europa zum Pazifik und hatten sich erst vor ein paar Tagen in Usbekistan kennen gelernt.
Transport
Nach harter Verhandlung ging es los
Schnell waren wir auf einer Wellenlänge. Bereits am nächsten Morgen schnappten wir das Nötigste für eine Woche und fuhren per Rad zum Busbahnhof. Dort verhandelten wir mit einem Fahrer und fuhren bereits zwei Stunden später in Richtung Issyk Kul.

In der Nähe von Balykchy
Perfekte Lage für ein Nachtlager
Viel Zeit hatten wir nach der Ankunft nicht mehr und so mussten wir schon bald darauf in der Nähe von Balykchy unsere Zelte aufschlagen. Doch bevor wir uns in die Schlafsäcke schlängelten, saßen wir noch lange unter freiem Himmel, erzählten von unseren Touren und bestaunten das großartige Sternenkino hoch über unseren Köpfen.
Grenzenlose Weiden
Grenzenlose Weiden
Die nächsten Tage ging es Richtung Song Koel und weiter zum Kalmak Ashnu Pass.

Es war einfach phantastisch. Es fühlte sich alles so einfach und grenzenlos an. Nirgendwo gab es Zäune. Überall zogen Kühe und Pferde in Herden frei durch die Landschaft. Nur von Zeit zu Zeit kamen wir an einem Gehöft vorbei. Das waren die Momente, auf die ich gerne verzichtet hätte, denn dort gab es scharfe Hunde.
Song Koel - Ein absolutes Radlerparadies
Song Koel - Ein absolutes Radlerparadies
Scharf ist sicherlich in diesem Kontext untertrieben. Sie waren richtig bissig und liefen im ganzen Rudel bellend um uns herum. Einige hatten sogar Schaum vor dem Maul. Nur mit Mühe und mit Stöcken und Steinen konnten wir sie uns vom Hals halten. Auch das Wissen darüber, dass wir aus Sicht der Hunde Eindringlinge waren, und sie nur ihr Territorium verteidigen wollten, machte es für uns nicht leichter.
Wodka am Kalmak Ashnu Pass
Wodka am Kalmak Ashnu Pass
Leider konnte ich Philippe und Matt aus Zeitgründen nur bis zum Kalmak Ashnu Pass begleiten. Genau auf dem Pass auf 3.446m hatte ich unverschämtes Glück und ein Laster kam uns entgegen, der mich evtl. mitnehmen konnte. Wie es in einem so dünn besiedelten Land üblich ist, hielt er an und die drei Insassen sprangen heraus. Nur einige Sekunden später kreiste ein Glas und die Wodkaflasche. Da ich weder Kirgisisch noch Russisch spreche, konnte ich leider nicht viel verstehen. Aber nach nur wenigen Wodkarunden war klar, dass sie Richtung Hauptstraße fuhren und mich mitnehmen würden. Auch wenn die Strecke per Rad phantastisch war, konnte ich auf weitere Begegnungen mit den Kampfhunden gerne verzichten und nahm das Angebot dankend an. Eine Ecke vor der Hauptstraße gab der LKW dann seinen letzten Laut von sich und wir luden das Rad wieder ab, sodass ich dann doch den Rest radelte. Nur gut, dass die Passagen mit den tollwütigen Hunden bereits hinter uns lagen. Die Biester hatten sogar immer wieder versucht, den LKW anzugreifen…

Nach einer weiteren Nacht und weiteren etlichen Kilometern hatte ich wieder unverschämtes Glück und ein Kleinlaster überholte mich und hielt an, um zu fragen, ob alles OK sei. Irgendwie schienen hier nicht viele Radler durchzukommen und jeder, der auf einem saß, galt als ein in Not Geratener. So kam das Rad wieder auf die Ladefläche und wir flogen mit einer interessanten Mischung aus Ramstein und Modern Talking Richtung Bishkek zurück.


Die Frau in Stöckeln trudelt ein

Nach einer Woche war ich pünktlich zur Landung der Frau in Stöckeln in Bishkek zurück und stand am nächsten Morgen mit frischen Klamotten als Ein-Mann-Empfangskomitee zur Begrüßung am Flughafen bereit.

Gleich am nächsten Tag hieß es erst einmal, sich auf das Land vorzubereiten. Wie immer waren wir vollkommen unbeleckt unterwegs. So ist man erfahrungsgemäß am offensten und flexibelsten und hat den meisten Spaß. Aber selbst, wenn wir uns auf den Weg hätten vorbereitet wollen, wäre uns das nicht geglückt. Auf Grund der "militärischen Brisanz" war es nicht möglich, eine Straßenkarte außerhalb von Kirgisien zu erwerben. Aber auch vor Ort stellte es sich als eine Herausforderung dar. Nur in Bishkek, der Hauptstadt, gab es einen Laden, der sich auf Karten spezialisiert hatte. Er lag versteckt im 1. OG eines Wohnhauses. Wenn ich keine Adresse gehabt hätte, hätte ich den Laden im Leben nicht gefunden. Dort wurde ich dann endlich fündig.

Auf befestigter Straße in Kyrgyzstan
Unterwegs auf befestigter Straße
Abends saßen wir zusammen und schauten zusammen in die "Straßenkarte" von Kyrgyzstan. Ob meiner Freundin dort erstmalig bewusst wurde, dass es sich um ein bergiges Land handelt, kann ich nicht mehr sagen. Aber vielleicht dämmerte es ihr so langsam. Wie auch immer, wir beschlossen zuerst zum Lake Issyk Kul zu fahren, um ihn dann zu umradeln. In Seenähe sollte es keine allzu großen Höhenunterschiede geben. Auch wenn es sich offiziell um einen See handelt, sind seine Abmessungen doch recht beachtlich.
Südufer des Issyk Kuls-Nahe Shor Bulak
Meeresfeeling am Issyk Kul
So verfügt er alleine über eine Länge von mehr als 182km, einer Breite von 60km und einer Tiefe von 668m. Aber das sind nur Zahlen. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter eine dünn besiedelte Landschaft und so fanden wir einsame Sandstrände, die sich perfekt zum Zelten eigneten. Lange Baumalleen, die perfekten Schatten spendeten und Felder, auf denen Bauern die Ernte händisch einfuhren, machten das Bild perfekt. Überragt wurde alles von den bereits schneebedeckten Berggiganten, die den Issyk Kul ringsherum einfassten. Einfach grandios!
Chong Ashuu Pass
Anfahrt zum Chong Ashuu Pass
Nachdem wir an der Südseite am Ende vom Issyk Kul angekommen waren, wollten wir uns in die Berge wagen und nahmen den Chong Ashuu Pass in Angriff. Mit 3.822m ein guter Einstieg, bevor die "richtigen" Berge und Pässe kommen sollten, dachte ich. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Frau in Stöckeln gemacht. Es schlug ihr die ganze Wahrheit, was 7.000’er bedeuten, mit aller Wucht ins Gesicht. Von Zeit zu Zeit dachte ich, wir seien so langsam, dass wir jeden Moment das Gleichgewicht verlieren würden. So wurde es für uns beide ein langer, langer Weg nach oben. Für die Frau in Stöckeln, weil sie hart arbeiten musste.
Zurück am Issyk Kul
Zurück am Issyk Kul
Für mich, weil ich kein Oropax dabei hatte.

Aber es wurde noch besser. Nach einer Nacht im Zelt strampelten wir am nächsten Tag weiter dem Pass entgegen. Kurz davor schlug das Wetter um und es begann zu schneien. Anfang Oktober war einfach schon zu spät. Was also machen? Weiterfahren? Der Pass würde bestimmt stark verschneit sein. Noch bevor wir uns entscheiden konnten, kam uns das Glück wieder zur Hilfe und mitten in der Einöde kam uns eine Art geländetauglicher LKW entgegen. Kurzhand warfen wir die Räder und das Gepäck hinten rein und erhielten eine Freifahrtkarte zurück auf Los: zurück nach unten, zurück zum Issyk Kul.


Lecker ist anders

Traditionelle Jurten
Traditionelle Jurten
Mit dem See Issyk Kul verbindet uns bis heute eine intensive Erinnerung an unser Essen. Wie immer auf Reisen in entlegene Teile unseres Planeten, hatte ich einen Benzinkocher dabei. Auch in Kirgisien gab es das Standardessen: Chinesische Nudeln mit Aroma aus der Tüte. Gut, das Essen wird keinen Weg in einen Standardführer für Sterneküche finden, aber die Tüten sind sehr leicht, reichen für eine Mahlzeit, machen satt, haben viele Kalorien und wiegen mit ca. 20g für ein Essen extrem wenig. Das war also mehr oder weniger okay. Aber am Issyk Kul hatten wir leider trotz dieser Tütchen nicht immer genug zum Frühstücken. So haben wir uns zum Teil mit Keksen über Wasser gehalten. Aber auch das klappte nicht immer. Milchpulver oder gar Milch für unser Müsli gab es nicht. Da musste dann das Essen für den wahren Champion her: Müsli in erdbeeraromatisierten Schwarztee. Die beste Erfindung eines Globetrotters aller Zeiten. Ich glaube, für diese Kreativität müsste ich eine Auszeichnung bekommen, auch wenn die kotzende Frau in Stöckeln das anders sieht. Zugegeben, für den Geschmack dieser Plörre würde mir der Stern von den Gastronomiekritikern direkt wieder aberkannt werden und zusätzlich würde mir ein lebenslanges Kochverbot drohen, denn ja, es hat wirklich einfach nur scheußlich geschmeckt. Aber ich bin halt auch Pragmatiker und halte es da eher wie Tom Bourdillon, der auf der britischen Everest Expedition von 1953 sagte "Hauptsache, es gibt überhaupt etwas zu essen". Globetrotter kennen halt keinen Schmerz!

Toktogul Reservoir - Direkt vor Kara Koel
Toktogul Reservoir
Desillusioniert aus den Bergen kommend, fuhren wir auf der Nordseite des Sees wieder zurück bis nach Bishkek.

Wenn es im Südosten des Landes nicht klappen wollte, dann vielleicht im Südwesten, dachten wir. Also haben wir uns eine neue Mitfahrgelegenheit organisiert und ließen uns kurz vor Osh rauswerfen. Von dort sollte es querfeldein mit dem Rad wieder zurückgehen. Aber die Knie der Frau in Stöckeln waren nicht bereit mitzuspielen. Irgendwie ein Naturphänomen,
Ein Höllengefälle
Nur Fliegen ist schöner
denn sie kann stundenlang auf den Tretern mit superhohen Absätzen durch die Gegend stöckeln, aber sobald sie mal ran muss, versagt ihr ganzer Körper nach und nach.

Daher mussten wir den Querfeldeinplan schnell wieder begraben und fuhren einfach die Hauptstraße wieder zurück nach Bishkek. So ging es erst noch recht gut voran und wir kamen über den Toktogul Reservoir zügig zum Kara Koel. Kein Wunder, bei weltrekordverdächtigen 90% Gefälle… In Torkent schmerzten ihre Knie dann so stark, dass wir erneut abbrechen mussten. Daher haben wir ein fahrbaren Untersatz in Form eines LKW gesucht und sind auf allen Vieren zurück nach Bishkek gekrochen.


Umstieg vom Rad in die "Trekkingsandalen"

Auf dem Weg zum Ala Archa
Runter vom Rad und ab in die Berge
Auch jetzt haben wir nicht an Aufgeben gedacht. Wenn das Radeln schon nicht geht, dann vielleicht das Trekken. Also liehen wir uns einen Rucksack aus und gingen ab in die Berge. Das Schöne an den Bergen in Kyrgyzstan ist, dass sie noch recht unberührt sind und nicht von tausenden Touristen wie in den europäischen Alpen überlaufen werden.

Alles im Griff
Alles fest im Griff
Das spiegelt sich auch in der Tierwelt wieder. Sie sind nicht so scheu wie bei uns und daher konnten wir uns einiger Treffen mit der lokalen Tierwelt erfreuen. Lediglich an der Ausrüstung haperte es.

Wir waren aufs Radeln eingestellt, nicht auf Berge. Meine Schuhe hatten fast gar kein Profil mehr. Auf Felsen und Geröll ging es noch recht gut.
Ak Say Glacier
Ak Say Gletscher
Das konnte mich nicht weiter schocken. Schließlich bin ich bei den Sherpas in Nepal in die Lehre gegangen :-) Die laufen sogar auf Flip Flops die Berge, einschließlich Gletscher, hoch und runter. Da sollte es doch mit meinen Tretern auch gehen. Ging es auch. Zumindest hoch zu. Aber dann mussten wir natürlich auch wieder runter. Und da schlugen die Schuhe voll zu. Sie waren einfach zu glatt. Am Ende vom Lied sind wir beide auf dem Hosenboden den Gletscher in einem Höllentempo runtergerutscht. Auch wenn es eine Mordsgaudi war, ist es zur Nachahmung nicht wirklich geeignet.
Nach wenigen Tagen in den Bergen hieß es dann wieder, Fahrrad in seine Einzelteile zerlegen, in einen großen Karton verpacken und ab zum Flughafen.


Auch wenn alles ganz anders gekommen ist, als gedacht, muss ich doch feststellen, dass wir viel Spaß in Kirgisien hatten. Die Leute, die sich nicht vollkommen dem Wodka verschrieben hatten, waren alle sehr nett, das Essen war gut und abwechslungsreich (gemessen an zentralasiatischer Küche) und die Natur und Landschaft waren einfach überwältigend. Lediglich die scharfen Hunde würde ich gerne aus meinem Gedächtnis streichen.


Schneller als gedacht, war der Zauber von Tausend-und-einer-Nacht wieder vorüber – aber so schnell würde ich diesen Urlaub nicht vergessen, denn Marokkos Schönheit hatte sich in mein Gedächtnis und der Kamelrücken in meinem Hinterteil eingebrannt.

Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anregungen im Gästebuch.

Weitere Fotos aus Kirgisien gibt es hier (versprochen, ohne das Erdbeertee-Müsli).



Kyrgyzstan - Ein Land der Weite
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