Eine gelungene Überraschung

Wie immer war aller Anfang schwer und wir stellten uns die Standard-Frage: Wo sollte uns das nächste Abenteuer hinführen? Wüsten haben mich schon immer fasziniert und daher schoss mir die Baja California direkt wieder in den Sinn. Jetzt gab es nur noch ein Problem (wie immer!): ich musste die Frau in Stöckeln irgendwie überreden. Aber zu meiner riesen Überraschung sagte sie auf Anhieb zu. Einfach ist ja schön, aber das war zu einfach!

Eine Kurzrecherche mit einer Weltkarte und ein Blick in einen Windatlas reichten, und die Route war klar. Es sollte von Tijuana runter an die Südspitze der Baja California gehen. Ich überschlug, wie viele Kilometer wir am Tag radeln müssten. Aber was dann kam, kann ich bis heute nicht so recht glauben. Ausgerechnet die Frau in Stöckeln meinte spontan: "Och, das ist aber wenig. Sonst machen wir aber mehr. Nicht, dass wir am Ende zu viel Zeit übrig haben. Können wir nicht woanders starten?". Hääääää? Was war das denn? Ausgerechnet die Frau in Stöckeln, die am liebsten mit einem Prosecco oder Cocktail am Pool oder gepflegt am Strand liegt, will mehr Kilometer radeln? Da konnte etwas nicht passen. Egal, schnell hatte ich die unerwartete Gunst der Stunde genutzt und wartete mit zwei Alternativen auf. Entweder wir würden in Los Angeles oder in Las Vegas starten. Da wir beide keine Lust auf Los Angeles hatten, fiel die Wahl auf Las Vegas. Aus Angst, dass sich die Frau in Stöckeln auf dem Trip zwischendurch absetzen würde und die restliche Zeit in einem Resort verbringen würde, hatte ich noch versucht, auf die doch recht große Distanz hinzuweisen. Aber es war bereits zu spät und die Route war in Stein gemeißelt. Naja, zumindest war klar, wohin wir fliegen würden und von wo aus es wieder zurück gehen sollte.

Danach war alles Routine. Die Tickets waren rasch gekauft und auch das Visum war keine Herausforderung.


Auftakt in Las Vegas

Las Vegas: Eiffelturm
Einen Eiffelturm gibt es nicht nur in Paris
So kamen wir Mitte Dezember zusammen mit den Rädern in Las Vegas an. Nur leider fehlten Teile. Der amerikanische Zoll hatte sein volles Engagement unter Beweis gestellt und beim Prüfen der Kartons alles herausgeholt, die Fahrräder kopfüber wieder eingepackt und dabei wohl ein paar "kleine" Teile übersehen. So hatte es eine Isomatte und eine Klingel nicht durch den Zoll geschafft. Es hätte natürlich sein können, dass da hochexplosive Additive enthalten oder gar Drogen untergemischt worden waren, daher hatte die Behörde natürlich richtig gehandelt und vorsorglich alles entfernt…

Durch den langen Flug und der zusätzlichen Zeitverschiebung waren wir recht platt und liefen nur noch zwei Stunden durch Las Vegas und lagen bereits um zehn Uhr abends im Hotelbett. Morgens um vier wurde ich wach und meinte zu hören, dass es regnete. Aber das konnte kaum sein. Wir waren mitten in der Wüste und Las Vegas bekommt im Jahr nur wenige Regenstunden ab. Es war also sehr unwahrscheinlich. Aber es war wirklich so. Es sah eher nach einem Monsunregen aus. Und der war nicht auf die Nacht begrenzt. Auch tagsüber regnete es immer mal wieder und die Sonne schaffte es nie durch die dicken Wolken.

Vegas Vegas
Die nächtliche Skyline von Las Vegas kann schon was...



Frieren in der Mojave Wüste

Am nächsten Morgen radelten wir mittags unter blauem Himmel los. Es war frisch, aber noch erträglich. Bis Nachmittags ging es auf einer ruhigen Landstraße parallel zur Autobahn gen Süden. Aber dann hörte sie einfach auf. Auf der Karte sollte sie weiter gehen. Und auch Google Maps hatte hier eine Straße verzeichnet. Aber es gab noch nicht einmal eine Piste. Notgedrungen fuhren wir dann auf den Freeway (=Autobahn) und hofften, nicht von der Autobahnpolizei erwischt zu werden. Zum Glück ging alles gut und abends schlugen wir das Zelt 500m von der Autobahn in der Wüste für unsere erste Nacht im Freien auf.

Joshua Tree NP
Der Namensgeber des Joshua Tree NPs
Und dann wurde es "frisch". Am nächsten Morgen war selbst eine 1,5 Liter Wasserflasche, die wir im Vorzelt gelassen hatten, durchgefroren. Dass es kalt werden würde, wussten wir, aber hierauf waren wir nicht vorbereitet gewesen und hatten auch keine passenden Klamotten dabei. Es war so kalt, dass wir Socken als zweite Handschuhe über die Finger ziehen mussten. Aber dennoch war es so eisig, dass die Finger richtig schmerzten. Welch ein Start...

Die nächsten Tage ging es
Joshua Tree NP
Joshua Tree NP
durch den Mojave National Preserve, die historische Route 66 entlang und den Joshua National Park hindurch. Dieser Park hatte es mir so richtig angetan. Wenn man von Norden aus über den Bergkamm kommt, eröffnet sich einem ein gigantischer Blick über ein weites Plateau. An Anhalten war auf Grund der Kälte leider nicht zu denken, so mussten wir den Ausblick vom Rad aus in aller Kürze genießen.


Auftauen auf der Baja California in Mexiko

Über den Salton Sea radelten wir weiter zur mexikanischen Grenzstadt Mexicali. Hier wurde es langsam etwas wärmer und das alltägliche Zittern vor Kälte ließ langsam nach.

Aber die letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Seit drei Tagen hatte mich eine Grippe mit leichtem Fieber in den Griff genommen. Der Husten wurde so stark, dass ich notgedrungen Antibiotikum nehmen musste. Dann bekam Claudia auch noch Fieber und so griffen wir auf Plan B zurück und quartierten uns in San Felipe an der Bahia für 3 Tage in ein Hotel ein.

El Huerfanito
Einsamer Strand bei El Huerfanito
Als diese fiese Attacke endlich wieder weg war, ging es weiter. Bis kurz hinter Puertecitos gab es eine brandneue Straße, die nahtlos in eine Schotterpiste über ging. Das machte das Radeln natürlich deutlich schwerer. Aber dafür gab es auch so gut wie gar keinen Verkehr mehr. Nur noch ein paar Jeeps und ein Militärlaster kreuzten unseren Weg. Einfach perfekt zum Radeln.

Über Coco's Place, einem verrückten Aussiedler mitten im Nichts, idyllischen einsamen Stränden und Wüste ging es weiter zur Laguna Chapala und somit zurück zum schwarzen Straßenbelag.

Nach einer unspektakulären Fahrt kamen wir in Guerrero Negro an. Abgesehen vom Wale schauen, gab es dort nicht wirklich viel, was einen Radtorero interessieren könnte. Aber es war Silvester und so blieben wir über Nacht. Es war sicherlich einer der langweiligsten Jahreswechsel, an die wir uns erinnern konnten. Die Leute waren alle zu Hause und haben dort Partys geschmissen. Um Mitternacht kamen sie dann alle auf den Balkon und fackelten ein Feuerwerk ab. Dadurch, dass wir niemanden kannten, standen wir alleine herum. Nur Verkehr war reichlich vorhanden. Viele Mexikaner machten sich einen Spaß daraus einfach nur die Hauptstraße hoch- und runterzufahren. Hmmm, auch eine Art, Silvester zu feiern.

Am nächsten Morgen warteten wir sicherheitshalber bis mittags, in der Hoffnung, dass die besoffenen Leute nicht mehr mit dem Auto unterwegs sein würden.

Und so ging es dann zügig weiter nach San Ignacio. Ein nettes Dörfchen. Aber die eigentliche Attraktion war die Lagune. Mitten in der Wüste wurde es auf einmal richtig grün - mit Palmen und allem, was zu einer richtigen Lagune dazu gehört. Wir fühlten uns fast wie in Afrika, wenn man nach einer Saharadurchquerung auf einmal Wasser sieht :-). Logisch, dass wir unser Zelt direkt am Wasser aufschlugen.

San Ignacio
Die Oase San Ignacio ist ein echtes Juwel


Volcan Las Virgenes
Vulkan Las Virgenes
Am nächsten Morgen hatte der Wind uns wieder. Bisher ging es eigentlich immer recht gut. Aber jetzt kam er genau -wie konnte es auch anders sein- von vorne und wollte es noch einmal wissen. Wir aber auch. Und so kämpften wir uns durch den Gegenwind die Berge hoch. Zum Glück kommt nach jeder Auffahrt eine Abfahrt. So ging es dann zügig der Küste und schließlich der Bahía de Concepción entgegen. Wir hatten bereits davon gehört. Es sollte "DAS" Paradies sein. Das war es auch - nur nicht für uns. Wir waren inzwischen einsame Nächte im Zelt irgendwo in der Wüste gewohnt. Auch wenn die Strände wirklich toll waren, so konnten wir uns dennoch nur schwer mit all den Wohnmobilen anfreunden. Im Endeffekt sind wir an allen Stränden vorbeigeradelt und haben routinemäßig das Zelt in der Wüste aufgebaut.

Playa Santispac
Für die Baja ein schon fast übervoller Strand :-)
Geier
Hoffentlich wartet er nicht auf uns
Nach Loreto, einer mittelgroßen Stadt an der Küste, nahmen wir die zweitälteste Mission auf der Baja California in San Javier ins Visier. Soweit, so gut. Nur lag diese inmitten der Sierra de la Giganta. Wie der Name "Giganta" schon vermuten lässt, mussten wir uns den Weg nach oben in die Berge hart erarbeiten. Aber es lohnte sich. Schon bald wich dem Asphalt eine Schotterpiste. Wir waren ab da wieder alleine unterwegs. Und auch in San Javier gab es keine Touristen. Einfach paradiesisch. Schade, dass wir nicht mehr Zeit hatten, wir wären gerne eine Nacht dort geblieben.

Viel weiter kamen wir auch nicht mehr bis wir das Zelt aufschlagen mussten, denn die Piste wurde immer schlechter, bis wir schließlich auf purem Sand fuhren. "Fuhren" ist vielleicht das falsche Wort hierfür. Es war eher ein wenig fahren, feststecken im Sand, das Fahrrad rausheben, ein paar Meter schieben und wenige Meter wieder radeln. Und dann ging das Spiel von vorne los.

Pazifischer Morgennebel
Die Wüste kann auch anderes und wir "schwamen" durch den pazifischen Morgennebel
Aber zwei Tage später kam es noch schlimmer, Gegenwind! Eigentlich trifft es das Wort nicht richtig. Es war eher ein kleiner Sturm, der uns genau entgegen kam. Und dazu ging es wieder über eine Bergkette. So waren wir froh, als wir in La Paz ankamen.

La Paz: Malecon
Am Malecon wird so manch ein Klischee bedient
Wir hatten schon viel über La Paz gehört. Es ist nicht nur die Bundeshauptstadt von Baja California Sur, sondern mit rund 170.000 Einwohnern auch die größte Stadt im Süden der Baja. Auch wenn es angenehm war, wieder in einer Stadt mit üppiger Infrastruktur zu sein, waren wir das Großstadtleben nicht mehr gewohnt. So beschlossen wir, den Reservetag nicht wie geplant hier, sondern irgendwo weiter im Süden zu verbringen.

Surfer in Los Bariles
Surfer in Los Bariles
Nach einem kurzen Radeltag kamen wir in Los Barriles am Golf von Mexiko an. Es gilt als das Surferparadies, da es nie richtige Wellen, dafür kräftigen Wind gibt. Aber nach surfen war mir nicht zumute. Ich hatte kurz nach der Ankunft urplötzlich Fieber bekommen und kotzte mir die Seele aus dem Leib (um das mal so auszudrücken). So verbrachte ich den nächsten Tag im Zelt und Claudia endlich am Strand.

In der Nähe von Laguna
In der Nähe von Laguna
Am nächsten Tag hieß es wieder: aufgesessen und wir fuhren nach San José del Cabo, von wo aus zwei Tage später unser Flug abgehen sollte. Die Stadt hatte aber gar nichts, was uns reizte und so schlugen wir einen Bogen um die Stadt und nahmen eine Schotterpiste die Küste entlang. Hier fanden wir eine einsame Bucht mit einem klasse Sandstrand. Ein perfekter Ort für eine letzte Zeltnacht. Und als ob das nicht reichen würde, zog ein Wal ca. 100m vor uns an der Küste entlang. Welch ein majestätischer Anblick. Es konnte nicht besser werden. Alles war perfekt.

San José del Cabo
San José del Cabo
Der Rest war Routine. Dachten wir zumindest. Aber es war erstaunlich schwierig, zwei große Kartons für die Fahrräder zu bekommen. Wir durchsuchten stundenlang die Stadt kreuz und quer, bis wir etwas halbwegs Vernünftiges gefunden hatten. Dann brauchte ich noch ein paar Stunden, um die Räder in seine Einzelteile zu zerlegen, die verschiedenen Kartons mit meterweise Klebeband zusammenzuflicken und die Räder sicher zu verstauen.

Am nächsten Morgen ging es schön entspannt mit dem Taxi zum Flughafen und zurück nach Deutschland.

Ach ja, da war ja noch etwas: Die Klapperschlangen und Skorpione. Nein, die haben wir leider in der ganzen Zeit nicht zu sehen bekommen. Es war noch zu kalt und sie hielten sich -zur Freude von Claudia- noch unter der Erde auf. Schneller als gedacht, war der Zauber von Tausend-und-einer-Nacht wieder vorüber – aber so schnell würde ich diesen Urlaub nicht vergessen, denn Marokkos Schönheit hatte sich in mein Gedächtnis und der Kamelrücken in meinem Hinterteil eingebrannt.

Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anregungen im Gästebuch.

Weitere Fotos von der Baja California gibt es hier.



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