Die Standardfrage: Wohin

"Geh Dich noch einmal richtig auspowern. Wer weiß, wann Du das noch einmal in dieser Form machen kannst?", spornte mich meine Freundin an und sollte auch recht behalten, da unser erster Nachwuchs auf dem Weg war.

Ich ließ mich nicht lange bitten und schnappte mir Fahrrad und Zelt und flog nach Südamerika, um einen Teil des Altiplanos und der Salar de Uyuni unter die Räder zu nehmen. Ich ignorierte, dass die "Saison" bereits vorbei war - die Regenzeit stand unmittelbar bevor- und nahm in Kauf, dass es feucht von oben und schlammig von unten werden konnte.

Und von wo nach wo sollte ich fahren? Spontan dachte ich, am Besten nach La Paz (ca. 4.000m hoch) fliegen und von dort zum Pazifik "runterrollen". Das wäre zwar am einfachsten, aber dafür hatte ich zu viel Respekt vor dem Höhenkoller. Es blieb mir einfach keine Zeit zur Akklimatisierung. Also entschied ich mich für die harte Tour, sprich von 0 Meter aus hoch strampeln.


Zum "Aufwärmen" in die Atacama Wüste

Monumento Natural La Portada
Antofagasta: Monumento Natural La Portada
So ging es Mitte Oktober los und ich flog nach Antofagasta, Chile. Einer touristisch uninteressanten Stadt am Pazifik, die aber durch ihren Flughafen am Rande der Atacama Wüste einen perfekten Ausgangspunkt bot.

Vor Ort angekommen, schraubte ich im Flughafen das Fahrrad zusammen, radelte in die Stadt, checkte in ein Hotel ein, schaute mir die Stadt an und kaufte Lebensmittel und Benzin für die nächsten Tage.
Am nächsten Morgen ging es dann los und ich kam direkt am Hafen von Antofagasta vorbei. Es war gerade Markt und zur Freude der Pelikane und Robben fielen auch immer ein paar Reste an, die freudig verspeist wurden.

Bald darauf radelte ich aus der Stadt heraus und es ging gleich die ersten Berge steil hoch. Kein Problem, da die Temperaturen Früh am Morgen noch zu ertragen waren. Aber als ich tiefer in die Atacama Wüste vordrang, änderte sich das und kurze Zeit später überquerte ich den südlichen Wendekreis und war jetzt offiziell in den Tropen. Tropen in Kombination mit einer Wüste bedeutete, dass es immer heißer und heißer wurde. Das Thermometer am Fahrrad zeigte 40 Grad im Schatten an. Aber wo gibt es in der trockensten Wüste der Erde schon Schatten? Nirgendwo! Und da ich noch keine Bräune hatte, musste ich trotz Sonnenschutzfaktor 50+ zu allem Überfluss auch noch Mütze, Handschuhe, lange Hose und Jacke anziehen. Das Ende vom Lied war, dass mein Trinkwasserkonsum auf 10 Liter am Tag anstieg.

Atacama Wüste
Endlose Atacama Wüste - Trostlosigkeit und Langeweile fürs Auge
Aber die Hitze war nicht das Schlimmste. Ich war bereits in einigen Wüsten dieser Erde unterwegs und kann behaupten, dass ich Wüsten liebe. Es gibt immer etwas zu entdecken. Nicht so auf dieser Strecke durch die Atacama Wüste. Hier gab es einfach nur nichts, außer Langeweile fürs Auge vielleicht. Gepaart mit notorischem, heißen und strammen Gegenwind machte das Radeln schlicht weg keinen Spaß.

Laguna de Chaxa
Laguna de Chaxa
Nach drei Tagen und einem unerwartetem Pass von 3.300m (vielleicht hätte ich mich doch zumindest ein wenig auf die Tour vorbereiten sollen) kam ich in der Oase San Pedro de Atacama (2.450m) mit seinen 2.000 Einwohner an. Ein surrealer Ort am Rande der Wüste. Ich war bereits vor gut 10 Jahren hier gewesen. Selbst damals war es schon recht touristisch gewesen, jedoch kein Vergleich zu dem, was heutzutage hier abging.

Nach wie vor ist San Pedro ein idealer Ausgangspunkt um die Gegend zu erkunden. So ist zum Beispiel die Laguna de Chaxa nicht weit entfernt. Hier bekam ich auch die ersten Flamingos vor die Kameralinse. Sie bildeten eine perfekte Fotokulisse mit Lagune, den Ausläufern der Atacama Wüste und der Cordillera Occidental als krönenden Abschluss. Einfach nur genial.

Auf in luftige Höhen: Das Altiplano

Auf dem Weg zum Jama Pass
Steile Anfahrt zum Jama Pass und dem Altiplano
Und dann wurde es heftig. Innerhalb von nur 30km ging es von rund 2.500m hoch zum Hito Cajón Pass auf 4.650 m. Und dass mit voller Beladung. So hatte ich alleine 15 Liter Wasser und Unmengen an Lebensmittel dabei. Wie sich später herausstellen sollte, war es komplett überflüssig, da es inzwischen auch auf dem bolivianischen Altiplano sporadische Versorgungsmöglichkeiten gibt. Und bei der Höhe tut jedes Kilogramm in den Beinen und Lunge weh. Besonders, wenn man noch nicht akklimatisiert ist und zusätzlich noch strammen Gegenwind hat.
Trotz der Strapaze ist es eine geniale Strecke. Die gut ausgebaute Asphaltstraße zieht sich konstant neben dem Volcán Licancábur (5.916m) hinauf, einem perfekt aussehenden Vulkan mit symmetrisch nach oben zulaufenden Berghängen und einem Abschluss aus einer weißen Schneehaube. Das Panorama ändert sich dabei ständig und auf dem Pass angekommen, erschließt sich bei einem Blick zurück die schier unendliche Weite der Atacama Wüste.

Vom Hito Cajón Pass, der Grenze nach Bolivien, an sollte ich bis zum Ende der Tour konstant auf einer Höhe zwischen 3.500 und 5.000m bleiben. Und das machte sich auch in den Temperaturen bemerkbar. Anstatt mit der Hitze hatte ich fortan eher mit Kälte zu kämpfen. In der ersten Nacht in luftiger Höhe hatte ich 15 Grad minus -im Zelt wohlgemerkt. Ja, auch so können die Tropen sein. Aber ein Blick in die Natur und funkelnden Sternen in der Nacht entschädigte für alle Strapazen und Schlottertemperaturen.

Altiplano
Altiplano: Spannende Weite
Der Tagesablauf war für die nächsten Tage eigentlich immer gleich. Um dem Wind ein wenig aus dem Weg zu gehen, klingelte der Wecker bevor der erste Sonnenstrahl den Tag einläutete. Dann hieß es Zelt zusammen räumen, den Benzinkocher anwerfen und frühstücken. Pünktlich zum Tagesanfang saß ich dann auf dem Fahrrad und versuchte möglichst viel Strecke zu machen, bevor es 11 Uhr war. Um diese Uhrzeit wird quasi ein Hebel umgestellt und schlagartig bläst ein heftiger Wind, der erst nachts wieder verschwindet. Der Ausdruck Wind ist hierfür untertrieben. Er ist so stark, dass man kein Zelt aufbauen kann und man muss deutlich vor Sonnenuntergang einen natürlichen Windschutz, z. B. einen großen Felsen, finden. Dann heißt es Zelt aufbauen, kochen und noch im Hellen in den Schlafsack krabbeln. Sobald die letzten Sonnenstrahlen weg sind, wird es bitter, bitter kalt und ich konnte nur hoffen, dass ich nachts nicht raus musste. Tja, auch so können die Tropen sein.

Das bolivianische Altiplano ist ein ganz besonderer Ort. Nicht nur, dass es sehr hoch liegt. Es ist auch außerhalb der Regenzeit sehr, sehr trocken und es gibt dementsprechend nur eine eingeschränkte Flora und Fauna. Aber genau diese trockene Landschaft im Zusammenspiel mit den farbenfrohen, vulkanischen Bergen und der Unberührtheit macht für mich den Reiz aus. Wie gesagt, ich liebe Wüsten. Und als ob das alles noch nicht reichen würde, beschenkt einen die Natur mit zahlreichen farbenfrohen Lagunen, in denen eine mehr oder weniger große Flamingopopulation ein Zuhause gefunden hat. Ich kenne keinen vergleichbaren Ort auf diesem Planeten. Ein absoluter Wahnsinn!

Laguna Blanca
Auf dem teils sandigen Weg zur Laguna Blanca
Aber zurück zur Strecke. Kurz nach dem Pass sah ich das letzte Mal, bis kurz vor La Paz, eine Asphaltstraße. Von nun an ging es entlang der Lagunenroute "Ruta de las Joyas" über Schotter- und noch mehr Sandpisten. Trotz einer maximalen Tagestemperatur von 8-10 Grad eine schweißtreibende Angelegenheit.

Die Piste führte entlang der Laguna Blanca und Laguna Verde (die sich leider nicht grün färbte) und über einen 4.926m Pass zu dem Geysirfeld Sol de Mañana. Hier blubbert und zischt es überall, aber einem Vergleich zu den Geysiren Islands kann es dann doch nicht stand halten. Und weiter ging es zur Laguna Colorada (4.278m). Der Name ist Programm. Sie leuchtet knall rot in der Sonne dank des hohen Mineralstoffgehalts und Algen und auch die Flamingos sind stark rot eingefärbt. Einer der Highlights der Strecke.

Laguna Colorada
Ein Highlight der Strecke ist die Laguna Colorada mit dem roten Wasser, Salzen und vielen Flamingos
Die Piste zog sich weiter vorbei am Arbol de Piedra (4.575m) und ein paar kleineren, mit Flamingos bestückten Lagunen kam ich an der Laguna Hedionda (4.121m) an. Eigentlich eine Lagune wie die vorherigen auch. Aber aus irgendeinem Grund sind die Flamingos hier nicht scheu und man kommt bis auf wenige Meter an sie heran. Aber genau das wird ihnen auch zum Verhängnis.
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Nachts friert die Lagune mit samt den Flamingos zu. Normalerweise ist dieses kein Problem, da die Flamingos in dieser Höhe keine natürlichen Feinde haben. Aber wenn Menschen sie verschrecken, wollen sie ihrem Fluchtreflex folgen und davon fliegen. Aber genau das können sie nicht, solange die Lagune nicht wieder aufgetaut ist. Als Folge brechen sich die Flamingos ihre dünnen, filigranen Beine. Das bedeutet ihr Todesurteil. Erschreckend, dass vielen Touristen dieses scheinbar egal ist und es für ein "gelungenes" Foto in Kauf nehmen.

Mein nächstes Ziel war der aktive Volcán Ollagüe mit seiner immerwährenden Rauchwolke. Apropos Altiplano. Wieso heißt es eigentlich "Plano". Wer auch immer den Namen erfunden hat, war wohl noch nie hier. Eben ist das Altiplano weiß Gott nicht. Stattdessen geht es ständig auf und ab. Im Jeep vielleicht eine spannenden Sache. Mit dem Fahrrad zwar auch schön, doch sehr anstrengend.

Und dann nahm ich den ersten Salar, genauer gesagt den Salar de Chiguana, unter die Reifen. Eine Salar ist ein großer Salzsee, der von Hochgebirgen komplett umgeben ist und keinen Ablauf hat. Sie trocken daher nur über Verdunstung aus. Als Folge bleiben Salze zurück.

Der Salar de Chiguana war aber nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte: Der Salar de Uyuni.


Leere bis zum Horizont: Die Salar de Uyuni

Und dann kam sie endlich. Der Salar de Uyuni (3.656m). Hierauf hatte ich die ganze Zeit hin geeifert. Ich war vor Jahren schon einmal mit dem Jeep hier. Seitdem wollte ich mit dem Fahrrad zurückkommen. Ein weiteres absolutes Highlight. Und jetzt war es endlich soweit. Der Salar, mit ihrer unfassbaren Größe von rund 12.000 km², ist so groß wie Niederbayern oder satte 4-mal größer als das Land Luxemburg oder 22-mal so groß wie der Bodensee. Sie kommt auf eine Ausdehnung von 60 km Länge und 135 km Breite. Je nach Blickrichtung kann man das gegenüberliegende "Ufer" trotz glasklarer Luft mit bloßem Auge nicht erkennen. Und genau das macht es so spannend, wenn man ohne Navi oder Kompass mit dem Fahrrad auf der weißen Salzschicht einfach Richtung "Nichts" fährt. Das ist Freiheit pur. Und wenn man es nicht bis zur anderen Seite schafft, schlägt man halt irgendwo sein Zelt auf. Platz genug ist ja vorhanden.

Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Nur mit dem Fahren war es nicht so einfach wie erhofft. Ich hatte auf den Sandpisten des Altiplanos von der Salar mit ihrer absoluten Ebenheit geträumt, sodass sogar Satelliten nach ihm kalibriert werden. Das war also nicht das Thema. Aber das Salz. Ich war kurz vor der Regenzeit da und der Salar war nahezu ausgetrocknet. Das Verdunsten des Wassers hatte tiefe Wellen und Krater in der Oberfläche hinterlassen und das Salz verkrustet. Ende vom Lied war, dass die Piste hart wie Beton (einen Zelthering bekommt man nicht eingeschlagen) und wellig wie ein Waschbrett war. Zum Fahren war es furchtbar und ich war froh, als ich in der Mitte der Salzplatte auf einer kleinen Insel, der Isla del Pescado, ankam. Dort konnte ich endlich meine ramponierten Handgelenke und Unterarme ausruhen. Die hatten eine Pause dringend nötig. Gut, dass ich in einem kleinen Zimmer des einzigen Restaurants unterkommen konnte. Abends, als alle Touristen wieder weg waren, war ich zusammen mit fünf bolivianischen Bediensteten sogar allein auf der Insel.

Isla del Pescado
Isla del Pescado
Als ich am nächsten Morgen gerade von meinem Erkundungsgang zurückkam, kehrten auch die ersten Touristen mit ihren Jeeps zurück. Gut, dass ich meine Fotos im Kasten hatte, denn ab jetzt wurde es richtig voll. Naja, zumindest auf der Insel. Sobald ich diese verließ und wieder Salz unter den Reifen hatte, kehrte auch wieder Einsamkeit ein.
Beim Volcán Tunupa betrat ich quasi wieder Festland und stieß bei Jirira auf drei Jeeps mit einer französischen Wissenschaftlergruppe. Sie schauten mich ungläubig an, als ob ich von einem anderen Planeten kommen würde. Man konnte die Fragen direkt in ihren Gesichtern ablesen: "Was macht der hier so ganz alleine? Und dann auch noch mit Fahrrad!". Ich sah wohl so mitleiderregend aus, dass sie mich zu einem opulenten Mahl mit allem Schnick und Schnack einluden. Und da ich inzwischen akklimatisiert war, konnte ich jetzt auch etwas trinken und der Rotwein mundete mir hervorragend mit dem französischen Käse...
Von hieran war die Piste eher unspektakulär und bis auf meinen ersten Platten gibt es eigentlich nur noch eine Anekdote zum Zelten zu erzählen. Ich hatte es schon vorher von anderen Bikern gehört, konnte es aber nicht so recht glauben. Jetzt erging es auch mir so, denn mein Zelt hatte nun in der Höhe mit der extrem trockenen Luft zu kämpfen und fing an zu schrumpfen. Es war inzwischen so klein, dass ich es nicht mehr normal aufbauen konnte, auch wenn es sich nicht um ein Billigzelt handelte. Also musste ich tricksen, um nicht unter freiem Himmel schlafen zu müssen.

Jayu Quata
Kraawooommmmm: Meteoritenkrater Jayu Quata
Gut 200 km vor La Paz stieß ich auf die -für bolivianischen Verhältnissen- Großstadt Oruro. Ab hier wird gerade eine Autobahn nach La Paz gebaut. Die Autos, Busse und LKWs rasen auf dem Abschnitt wie Sau und als Fahrradfahrer macht es absolut keinen Spaß und es ist einfach nur gefährlich. Daher habe ich das Fahrrad in einen Bus geworfen und habe mich gemütlich mitnehmen lassen.

Zur Belohnung gönnte ich mir ein Wohlfühlprogramm in La Paz. Endlich einmal ohne Wecker, Wind und Kälte aufwachen. Und noch Besser: Essen. Essen. Essen. Als Tourenfahrer hat man immer Hunger...


Noch höher hinaus: Sajama

Parque Nacional Sajama
Parque Nacional Sajama
Da ich früher in La Paz ankam als gedacht, stellte sich die Frage, was ich mit der gewonnenen Zeit anfangen konnte. Klar, ich hätte es mir so richtig gut gehen lassen können. Aber ich hatte von meiner Regierung zu Hause ja den Auftrag bekommen, mich noch einmal so richtig auszupowern. Daher ließ ich mich mit einem Bus samt Fahrrad bis an die Grenze nach Chile mitnehmen. Dort thront der Sajama mit seinen 6.542m als höchster Berg Boliviens und einer der höchsten Vulkane der Welt. Eigentlich wollte ich dort "nur" mit dem Fahrrad durch den Nationalpark und schließlich bis zurück nach La Paz radeln. Aber ich hatte Glück und fand einen tollen Deal zum Besteigen des Riesenbergs. Ob das klappen sollte, stand aber in den Sternen. Die Saison war bereits vorbei und die Einheimischen sagten, dass es wahrscheinlich nicht mehr möglich sein würde. Doch so etwas kann den Travelnerd nicht abhalten. Also lief ich alleine bis zum Basislager, aber meine Zuversicht, den Sajama zu knacken, schwand von Schritt zu Schritt. In der gesamten Gipfelregion tobte ein knackiges Gewitter mit massiven Schneefall und vielen, vielen Blitzen, etwas, in das man auf keinen Fall geraten will.

Zum Glück erreichte ich das Basislager ohne jede Probleme und als ich anfing mein Zelt aufzuschlagen, erkannte ich in der Ferne drei sich bewegende Punkte. Eine Stunde später trafen diese im Basislager ein und waren kreidebleich. Es waren zwei Bergführer mit einer neuseeländischen Kundin. Sie waren mitten ins Gewitter geraten und hatten schlichtweg Höllenangst gehabt. Sie sagten, dass selbst zwischen dem Ohrring und den Zahnplomben Strom umhergesprungen ist. Und das war natürlich das kleinste Problem, denn schließlich hatten sie jede Menge Metall als Ausrüstung dabei. Sie hatten einfach nur Glück, dass sie da lebend rausgekommen sind. Es gab schon viele Bergsteiger, die bei so einem Gewitter weniger Glück gehabt hatten und für Ihre Leidenschaft mit dem Leben bezahlen mussten.

Später klarte dann das Wetter doch noch auf und ich entschloss mich, eine Nacht zu bleiben und zu schauen, was das Wetter am nächsten Tag zu bieten hatte. Abhängig davon würde ich den Besteigungsversuch direkt abbrechen oder erst gar nicht starten.

Sajama
High Camp am Sajama
Abgesehen von einigen Lawinen, die ich in sicherer Distanz abgehen hörte, hatte ich eine ruhige und ereignislose Nacht. Am frühen Morgen kam der Bergführer nach und wir machten uns auf den Weg zum High Camp auf 5.620m. "Camp" bedeutete in diesem Fall die einzige Ministelle, die halbwegs nach einem kleinen Plato aussieht und wir dort unser Zelt aufschlagen konnten. Aber wie meistens in solchen Höhen, waren wir an einer recht exponierten Stelle und nachts wirbelte ein eisiger Sturm die Zeltwand wild hin und her. Bei dem Sturm würde es mit dem Aufstieg nichts werden.

Typisch für Gipfelbesteigungen mussten auch wir Mitten in der Nacht los. Das Thermometer zeigte knackige Minusgrade an. Kurz vor dem Aufbruch um zwei Uhr hörte der Wind schlagartig auf. Die Sterne funkelten und beleuchteten die Berge in einem magischen Licht. Perfekte Bedingungen!

Büßereis am Sajama
Büßereis bedeutete Endstation
So arbeiteten wir uns gut gegenseitig abgesichert auf über 6.000m hoch. Dann kam der Zeitpunkt der bitteren Erkenntnis, dass die Einheimischen im Dorf recht behalten sollten, und eine Besteigung nicht mehr möglich war. Es gab weite Felder mit Büßereis. Sie waren mit gut einem Meter noch nicht einmal übermäßig hoch. Aber bei der Masse und ausgedehnten Feldern dauerte es einfach zu lange, diese jeweils zu überklettern. Wir hätten den Umkehrzeitpunkt zum Erreichen des Gipfels weit überschritten. So mussten wir in die bittere Pille beißen und den Gipfelversuch erfolglos abbrechen.

Traumhaftes Zelten
Traumhaftes Zelten
Welch ein frustrierender Moment. Quasi im Dauerlauf stürmten wir den Berg wieder herab.

Zurück im Dorf belud ich schnellstmöglich mein Fahrrad, um noch am selben Tag ein paar Stunden den Frust auf der Sandpiste abzubauen.

Zwei Tage später kehrte ich unverrichteter Dinge nach La Paz zurück.

Das Meer in den Bergen: Lago Titicaca

Nach einem Tag in der Stadt lechzte es mich wieder nach Ruhe und Natur. In der Casa de Ciclista schwärmten mir andere Langzeitradler vom Lago Titicaca, mit seinen gigantischen Ausmaßen von 230 km mal 97 km, vor. Auch ich hatte ihn noch sehr positiv von meinem ersten Besuch vor Jahren in Erinnerung. Daher setzte ich mich -dieses Mal ohne Fahrrad- am nächsten Morgen in den lokalen Überlandbus und fuhr bis nach Copacabana, dem Namensgeber für Rio. Dort erreichte ich gerade noch die kleine Fähre zur idyllisch gelegenen Isla del Sol,
Yumani-Isla del Sol
Traditionelle Landwirtschaft auf der Isla del Sol
einer ganz besonderen Insel im Süden des "Sees". Die Einwohner haben sich -mehr oder weniger freiwillig- dafür entschieden, traditionell zu leben. So gibt es z. B. keine Autos oder Motorräder auf der Insel. Auch die Felder werden von Hand bearbeitet und bestellt.

Diese Ursprünglichkeit macht den besonderen Reiz der Insel aus. Zusätzlich hat die Kultur der Inkas auf der Insel begonnen und ist bis heute überall sichtbar. Alleine die allgegenwärtigen Steinterrassenfelder sind bereits absolut beeindruckend. Welch eine Leistung, wenn man bedenkt, dass sie in jahrhunderter langer händischen Arbeit errichtet wurden.


Die Höllenfahrt auf der Todesstraße

Krönender Abschluss des Südamerikaabenteuers war eine Fahrt mit dem Fahrrad auf der "Todesstraße", dem Camino de la muerte, runter vom Altiplano in den tropischen Regenwald. Sie war für eine lange Zeit die einzige Straße von La Paz aus in die Tiefebene. Es verunglückten unzählige Autos, LKWs und sogar Busse, und stürzten mehrere hundert Meter in die Tiefe. Das brachte ihr den Negativrekord als Straße mit den meisten tödlichen Unfällen auf der Welt ein. Da aber seit 2006 eine neue Straße gebaut und die Todesstraße für den normalen Verkehr gesperrt wurde, gibt es glücklicherweise nur noch wenige Todesfälle zu beklagen. Heutzutage ist der Camino de la muerte zu einer bekannten Touristenattraktion geworden und diverse Anbieter aus La Paz bieten eine organisierte Fahrradtour an.

Camino de la Muerte
Camino de la Muerte
Ich ließ mich mit meinem Fahrrad von einem Linienbus von La Paz bis zum La Cumbre Pass auf 4.650m mitnehmen. Ich kam gerade an, als eine organisierte Touri-Tour aufbrechen wollte. Schnell wurde auf den ersten Kilometern aus Asphalt klar, dass die Touris hier nichts mit Fahrrädern zu suchen hatten. Einige von ihnen donnerten mit über 60, 70km/h die Straße herunter und hatten die Räder kaum noch unter Kontrolle. Sie unterschätzen u. a. die Scheibenbremsen und bei einem kleinen Bremsmanöver blockierten sie die Räder und flogen fast über den Lenker. Ein Wunder, dass nichts passierte. Und als die alte Todesstraße abbog und es nur noch Schotter gab, wurde es noch derber. Früher fielen hier LKWs usw. aus Selbstüberschätzung die senkrechten Wände mehrere hundert Meter in den Abgrund. Trauriger Weise sind es heute Touri-Fahrradfahrer.

Schnell setzte ich mich von der Touri-Gruppe ab und war wieder alleine und konnte die Piste genießen. Auch wenn es zügig schnell und holperig herab ging, ist sie fahrerisch eigentlich wenig anspruchsvoll. Aber die Kombination aus Geschwindigkeit und dem starken Geholper setzte meinem Fahrrad stark zu und nach nur weniger Kilometer flogen die ersten Teile ab. Schwierig wurde es erst, als sich die Schraube vom vorderen Bremssattel ins Nirwana verabschiedete und ich ab da ohne Vorderradbremse auskommen musste. Aber sagen wir mal so, es gab den extra Kick zum krönenden Abschluss einer phantastischen Südamerikatour.

Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anregungen im Gästebuch.

Weitere Fotos von dem Südamerikaabenteuer gibt es hier.



Laguna de Chaxa
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